„Erziehung und Medien“ heißt mein Thema und da muss ich mir doch einfach mal etwas von der Seele schreiben, was mich doch aktuell sehr betroffen gemacht hat.

Gestern wurde unter dem Titel „Vorlesen im Kinderalltag 2008″ eine Studie der Deutschen Bahn, der ZEIT und der Stiftung Lesen vorgelegt. Repräsentativ wurden 875 Kinder im Alter von 4 bis 11 Jahren, also im Vor- und Grundschulalter zu ihren Vorleseerfahrungen befragt. Die Auswertung wurde in Beziehung gesetzt zur Vorjahresbefragung zum gleichen Thema, in 2007 waren aber die Eltern zu ihrem Vorleseverhalten befragt worden.

Für mich ist das erschütternste Ergebnis, das 37% aller Kinder sagen : „Uns wird nicht vorgelesen.“ Nicht vorgelesen im Elternhaus, aber auch nicht vorgelesen in Kindergarten und Schule.

Was sind die Hintergründe, dass Eltern nicht Vorlesen? Darüber gibt die Studie keine Auskunft. Da gibt es wohl die Eltern, deren eigene Lesekompetenz nur schwach ausgebildet ist und die sich daher nicht „blamieren“ wollen, stockend sich durch Astrid Lindgren zu arbeiten. Aber das Problem der Vorleseverweigerung ist schichtübergreifend und bildungsunabhängig. Auch die Eltern mit ausreichender Lesekompetenz behaupten eher, dass sie vorlesen, als dass sie es wirklich tun.

Noch erschreckender ist die Vorleseverweigerung in Kita und Schule. Was ist in diesen pädagogischen Institutionen los, dass primäre Medienkompetenz nicht vermittelt wird? Ist es Desinteresse oder Unfähigkeit?

„Na die wollen ja auch gar nichts vorgelesen bekommen“, höre ich Eltern, Kindergarten und Schule rufen. Dies trifft aber so überhaupt nicht zu. 33% der Kinder ohne Vorleseerfahrung wünschen sich ausdrücklich Vorlese-Stunden. Die anderen 2/3 äußern tatsächlich den Wunsch nicht, wobei für mich die Frage offen bleibt, ob sie überhaupt wissen, worauf sie da verzichten.

Warum eigentliche Vorlesen? Die Autoren stellen neben die Bedeutung als fundamentalen Bildungsimpuls für ein lebenslanges Lernen so wichtige Aspekte der Vorlese-Rituale wie

  • Stärkung der Sozialkompetenz der Kinder
  • Schaffung von Geborgenheit und Nähe in der Vorlese-Situation
  • wichtige Impulse für Familien, Kita-Gruppen und Klassen

Es fällt mir schwer zu glauben, dass es Kindergärten und Grundschulklassen in Deutschland gibt, in denen nicht vorgelesen wird – aber offensichtlich scheint es sie massenhaft zu geben.

Die Studie räumt mit einigen Vorlese-Vorurteilen auf wie

  • „Die Vorleselücke ist ein Unterschichten Problem“ – Quatsch, alle Schichten sind betroffen.
  • „Eltern halten sich für Vorleser“ – 18% der Eltern geben an, nicht vorzulesen, 37% der Kinder, dass nicht vorgelesen wird.
  • Eltern glauben, dass Kinder Vorlesen gar nicht so attraktiv finden – Quatsch, Kinder finden Vorlesen toll.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Kinder erleben kaum Väter, die Vorlesen, dies bleibt immer noch Domäne der Mütter. Die Studie setzt dies in Beziehung zu der Beeinträchtigung in der Lesesozialisation insbesondere bei Jungen. Ihnen fehlt schlicht und ergreifend das beobachtete Vorbild beim Vater. Nur 8% aller Kinder haben einen vorlesenden Vater erlebt.

Lesen und Schreiben bleiben auch in Zeiten elektronischer Medien Basics, auch für die spätere Nutzung der elektronisch vermittelten Medien. Und Vorlesen ist eine wunderbare Möglichkeit der Vermittlung von Bindung, von Nähe und Geborgenheit, wohl noch ein viel wichtigeres Basic für ein gelingendes Aufwachsen.

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