Artikel-Schlagworte: „Elternrolle“

Benedikt Köhler, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr in München, fasst in seinem Blog „viralmythen“ einen aktuellen Bericht des amerikanischen PEW-Instituts zusammen, in dem über 1000 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren zu ihren Computerspielerfahrungen und -gewohnheiten befragt worden waren.

Danach gilt es sich zu verabschieden von gängigen (Vor-)Urteilen zum Thema Computerspiele und ihrer Wirkung auf Jugendliche:

1. Computerspielen ist nur eine Nischenbeschäftigung? Falsch.
2. Computerspielen tun nur die Jungs, während die Mädchen lieber miteinander reden? Falsch.
3. Computerspiel = Ballerspiel? Falsch.
4. Computerspiele machen einsam? Meistens falsch.
5. Computerspiele fördern asoziales Verhalten? Falsch.

Auch die Aussagen der Studie zum Thema „Eltern und Computerspiele“ halten Interessantes bereit:

  • Die Mehrheit der Eltern ist sich durchaus bewußt, dass ihre Kinder Computerspiele spielen.
  • Die meisten Eltern wissen, welche Spiele aktuell von ihren Kindern gespielt werden.
  • Über die Hälfte der Eltern beachten die Altersklassifizierung beim Kauf von Spielen.
  • Eltern von Jungs intervenieren eher beim Thema Computerspiel als Eltern von Mädchen.
  • Nur wenige Eltern spielen mit ihren Kindern Computerspiele.

Frank P. Schulte hält auf seinem Blog „Phaenorealismus“ noch einen interessanten Gedanken zum Thema bereit: Wenn es stimmt, dass 97 % aller Kinder und Jugendlichen Computerspiele spielen, müssen wir uns da nicht Gedanken darüber machen, was mit dem „verhaltensauffälligen“ Rest von 3% los ist ?

Mit einer Pressemitteilung weist der Informationsdienst Wissenschaft auf eine neue Studie der Eberhard Karls Universität Tübingen hin. Wissenschaftlich vorsichtig wird dort formuliert, „dass der Missbrauch von gewaltverherrlichenden Medien in Kinderjahren zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren führen kann….Die Bereitschaft zur Gewalt stieg über die Jahre mit zunehmenden Konsum von medialer Gewalt. Die größte Gefahr liegt nach der Studie in der Nutzung von Computerspielen.“ Pädagogische Maßnahmen alleine würden nicht genügen, deshalb sei ein Verbot von extrem gewalthaltigen Video- und Computerspielen einzufordern.

Die Zusammenfassung der Veröffentlichung im „Journal of Media Psychology“ finden Sie hier .

Pressetext.deutschland titelt nach einem Gespräch mit Prof. Huber, einem der Autoren der Studie, ganz anders: „Generelle Verteufelung von Killerspielen falsch“.

Ein Ergebnis der rund 2 jährigen Studie sei eindeutig gewesen: „Wer viele gewalttätige Computerspiele spielte, wurde auch im realen Leben aggressiver.“ Daneben gehört aber auch eine weitere Aussage von Huber: „Wer in einem Elternhaus aufwächst, in dem Gewalt an der Tagesordnung ist, ist für Gewalt in Medien anfälliger.“ Die einfache Formel „Computerspiele machen aggressiv“ läßt sich also auch aus dieser Studie nicht ableiten.

Neben der schulischen Situation, der individuellen Persönlichkeit und dem Verhältnis zu Gleichaltrigen nehme vor allem die familiäre Situation eine Schlüssselrolle bei der Entwicklung der Jugendlichen ein.

Wichtig die abschließende Forderung von Huber, dass die Eltern wissen sollten, was auf dem Fernseher ihrer Kinder läuft und was sie stundenlang spielen.

Am Zentrum für empirische pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau wurden im Rahmen eines Forschungsprojekts 784 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren zu ihrem Computerspielverhalten und verschiedener persönlicher Merkmale befragt, die im Zusammenhang mit krankhafter Spielnutzung vermutet werden.

Diese Merkmale sind: Selbstwirksamkeitserwartung, Copingstrategien (wie mit Stress und Belastung umgegangen wird) und Qualität der Bindung zu den Eltern.

Die Befragung fand Online statt, beworben wurde sie in einschlägigen Foren im Internet. Daher stellen die Autoren auch zu recht fest, dass ihre Daten keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben können. Trotzdem geben die Ergebnisse nachvollziehbare Anhalte für die Frage pathologischer Computerspielnutzung.

Einige Ergebnisse der Befragung sind:

  • Häufiges und langes Computerspielen allein ist nicht als pathologisch aufzufassen.
  • Pathologisch wird es u.a. dann, wenn es zur Stimmungsregulation eingesetzt wird.
  • Pathologische Spieler erleben in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation ein höheres Maß an Überforderung und verfügen über schlechtere Strategien mit Stress umzugehen.
  • Unter den Intensivspielern gibt es weniger Personen, die einen sicheren Bindungsstil erlebt haben.

Für den pädagogischen Alltag geben die Autoren u.a. als Empfehlung:

  • Bei pathologischem Spielverhalten nicht sofort ein absolutes Spielverbot aussprechen, sondern behilflich sein, neue und bessere Copingstrategien aufzubauen. Die Frage angehen, wofür das Spielverhalten Ersatz ist.
  • Eltern sollten sich mehr für das Spielverhalten und die Spiele ihrer Kinder und Jugendlichen interessieren. Vom Kind „anlernen“ lassen, um mitreden zu können, dadurch Kinder wertschätzen und auf dieser Grundlage die Beziehung und Bindung zum Kind zu verbessern.

heise-online news vom 08.04.: Hinweis auf die Tagung „Jugendmedienschutz 2.0″ und Interview mit Sandra Fleischer, Leiterin der Erfurter Geschäftsstelle von „Ein Netz für Kinder“ zur Rolle der Eltern bei der Vermittlung von Medienkompetenz. Sie weist darauf hin, dass Schule diese Medienbildung nicht leisten kann. „Natürlich wird mit Medien gearbeitet, aber Lehrer, die eine medienpädagogische Ausbildung haben, gibt es kaum.“